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08.04.2017

Der Standard: „Fast einer Million im Job fehlt digitale Kompetenz“

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Cybercrime gilt als Geschäft, das schwerer ist als das globale Drogenbusiness. Manche machen mit dieser Angreifbarkeit der immer vernetzteren Welt schon ein gutes Geschäft, manche verschließen noch die Augen, bis ihre Unternehmen lahmgelegt werden, ihre Hoteltüren nicht mehr aufgehen, sie so lange erpresst werden, bis sie Bitcoins überweisen, aber dann immer noch nicht wissen, was die Angreifer an Schadsoftware hinterlassen haben. Auch wenn sich über den Möglichkeitsgehalt der Ausschaltung staatlicher Infrastruktur in dramatischen Filmen und Büchern diskutieren lässt: Ins Reich des Unmöglichen lässt er sich nicht verschieben. Und da geht es nicht nur um das Abhören des Mobiltelefons von Staatschefinnen und Milliardenschäden, sondern um einen möglichen gesamten Takedown systemkritischer Infrastruktur. So weit zu den geschilderten Bedrohungsszenarien, die durchaus auch mit Eigeninteressen der Schilderer – je nach Firmenzugehörigkeit oder organisationalem Interesse – angereichert sind. Antivirensoftwareerzeuger wollen ihre Produkte verkaufen, Microsoft die seinigen, das Abwehramt will hunderte neue Planposten im Zuge des Ausbaus der Cyber-Defence „Milcert“. 

Aber auch abseits der „Player“: Die Digitalisierung und ihre Folgen kommen gern als Elitenthema daher. Wer individuell Cybermobbing noch nicht erlebt hat, wer als Organisation noch nicht (bewusst) Opfer einer Cyberattacke war, als Firma (noch) nicht Opfer war, schaut gern weg. 

Hinsehen, Handeln 

Eine Haltung, die Valerie Höllinger, Geschäftsführerin des BFI Wien, nicht einnehmen will. Unaufhaltsame Digitalisierung und ihre Konsequenzen sind ihr Thema. Argumentiert mit dem Auftrag eines Erwachsenenbildners, mit dem Wandel der Job- und Kompetenzprofile.

In Zahlen: In Österreich fehlten fast einer Million Menschen heute die nötigen digitalen Kompetenzen, um ihre Jobs gemäß der rasanten Entwicklung weitertun zu können, sagt Höllinger und zitiert querbeet: der Gärtner, der sich mit dem Internet of Things auskennen muss, der Automechaniker, der eigentlich Computer repariert, die Anwältin, die sich (wie in den USA bereits live) mit den Kollegen aus Bits & Bytes beschäftigen muss.

Deutsche Studien sagen, zitiert Höllinger, dass in den kommenden Jahren 1,8 Millionen IT-Fachleute fehlen, europaweit wird die Zahl 50 Millionen genannt, um wettbewerbsfähig, produktionsfähig im globalen Wettbewerb zu bleiben. Oder eben so sicher vernetzt zu sein, wie möglich. 

„Es gibt keinen proaktiven Schutz“, so Joe Pichlmayr, CEO des Antivirenprogrammherstellers Ikarus. Grundsätzlich sein Rat: in Back-up-Systeme wirklich zu investieren, um möglichst schnell wieder „up and running“ zu sein. Denn, so bestätigt auch Robert Haider, der in einer Tochterfirma der Wiener Städtischen Versicherung Polizzen zwecks Versicherung des Cybercrime-Restrisikos bastelt, oft dauere es Jahre, bis Unternehmen wieder voll hergestellt seien, Täter blieben durchschnittlich rund 250 Tage unerkannt.

Pichlmayr appelliert für einen „nationalen Schulterschluss“ in IT-Bildungs- und Ausbildungsfragen. Anders sei dem Thema nicht beizukommen. Man werde das „hochkomplexe Thema nur gemeinsam stemmen“ können, so Pichlmayr. Er verbringe schon mehr Zeit in Schulen als in seiner Firma. Nicht verwunderlich, dass er die Digitale Roadmap Österreichs mit seinem 20-Millionen-Budget massiv kritisiert und den oft beschriebenen Mangel an „Awareness“ in den Unternehmen auch der Politik zuschreibt.

Walter Unger, Leiter der Abteilung Cyber-Defence und IKT-Sicherheit im Abwehramt, kann gar keine einzelnen Hebel identifizieren, sondern sieht eigentlich kein anderes Bildungsthema, das so konzentriert in den Fokus zu nehmen sei. Als Beispiel der Defizite und des Nachhinkens in Österreich fragt er: „Wo sind die vielen neuen IT-Professuren in Österreich?“

Die Gastgeberin der Diskussion, Valerie Höllinger, verweist auf eine ganz neue Bedeutung lebenslangen Lernens: „Was tun die Leute nach der Uni – Lebenszeit lernen, das muss anders und gut gemanagt werden. Wir brauchen dringend Finanzierungsmodelle unter Beteiligung aller.“ 

Es habe sich ja herumgesprochen: Alle suchen IT-Fachkräfte oder zumindest Menschen, die mit den digital angereicherten Jobanforderungen umgehen können, etwa „auch Marketer, die wissen, was Algorithmen tun, können, wie sie programmiert werden.“

Christian Schöndorfer (Schwerpunkt eEdeucation im Bildungsministerium) lehrt an der HTL Rennweg in Wien und an der FH St. Pölten und lenkt die Blicke auf das, was sicher kommt in der Generation der digitalen Natives: Es gebe jetzt bereits Schüler, die Lehreraccounts ausspionieren, und für ein Upgrading der Note solcherart würden derzeit rund 50 Euro bezahlt. „Verschlüsselung ist ein Riesenthema – vor allem, wenn wir die Notebooks in alle Klassen bekommen und dann das Thema haben, dass die Schüler den Lehrern erklären, was läuft.“ Wie sich das Rollenbild der Lehrer ändere respektive zu ändern habe, sieht er völlig unterschätzt.

Gespannt ist die Runde bezüglich der Datenschutzgrundverordnung. Sie soll ja auch mehr Licht in die Dunkelziffern zu den Cyberattacken durch Meldepflicht innert 72 Stunden bringen. Jedenfalls Angriffe zu melden, auch wenn das derzeit noch ein mühsames Unterfangen sei, lautet allemal der Rat – das helfe der Polizei beim notwendigen Unterfangen, bei der Argumentation, ihre Cyberabteilungen auf- und auszubauen.

Was digitale Kompetenz also nun bedeute? Schöndorfer antwortet philosophisch und beschreibt damit auch, wie rasant und teilweise chaotisch Digitalisierung verläuft: „Die Definition ist überholt, noch bevor wie sie ausgesprochen haben.“ Es berge nun einmal jede neue Technologie neue Gefahren. Potenziert durch die zunehmende Vernetzung.

Der oberste Cybersicherheitschef im Abwehramt, Walter Unger, lenkt an dieser Stelle wieder den Blick auf eine gleichermaßen zunehmende „Fragilität und Zerbrechlichkeit. Wir haben eine Wette laufen und können nicht sagen, ob wir sie gewinnen.“ (kbau) 

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