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21.04.2017

Austria Innovativ: Gesucht: Profis für Wirtschaft 4.0

Wikipedia lügt nicht. Und wenn doch - auch egal, die Story ist nett. Erstmals soll das Zauberwort "Nerd" nämlich schon viel früher niedergeschrieben worden sein, als 'digital natives' annehmen würden. 1950 soll´s gewesen sein, in einem Gedicht von Theodor Seuss Geisel, Kinderbuch-Autor und Cartoonzeichner. Der Mann hat den Grinch erfunden, warum also nicht auch den Nerd - eine heute gebräuliche Bezeichnung für etwas sonderlich anmutende IT-Freaks. Soweit, so nett. Weniger entspannend: Wir alle müssen künftig kleine Nerds werden, wollen wir die Herausforderungen der Wirtschaft und Wissenschaft meistern.

Technologie und Menschlichkeit vereinen

Dabei dürfen wir uns aber nicht von der Technologie überrollen lassen, warnte Univ.-Prof. Dr. Sarah Spiekermann, Leiterin des Instituts für Management Information Systems an der WU Wien, beim Zukunftsdialog "FutureStandardsNow - Industrie 4.0" des Austrian Standards Institute und zeigte Grenzen der Automation auf: "Es geht darum, zu Beginn eines Projekts menschliche Werte mitzubedenken." Dafür sind Standards in Entwicklung, wobei immer mehr Ethiker miteinbezogen werden - etwa das P7000 "Model Process for Addressing Ethical Concerns During System Design". Allerdings darf Österreich in der Digitalisierung nicht stehen bleiben, warnte auf der Konferenz Sektionschef Mag. Andreas Reichhardt, Leiter der Sektion III "Innovation und Telekommunikation" im bmvit. Derzeit sei Österreich nach einer Studie von Roland Berger zusammen mit Deutschland, Irland und Schweden unter den "Frontrunnern" in Sachen Industrie 4.0. Um diese Position zu halten, seien eine aktive Mitgestaltung bei der Modernisierung der industriellen Basis und der Ausbau als Hochtechnologie-Standort notwendig. Erforderlich seien auch Investitionen in angewandte Forschung, um die technologische Basis zu verbessern. Stichworte: Infrastruktur, Breitband. Und es brauche, so Reichhardt, entsprechende Ausbildungsmöglichkeiten für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Er nannte dazu Pilotfabriken, Stiftungsprofessuren im Produktionsbereich, die Sicherung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie eine generelle Steigerung der Attraktivität von Technikstudien

Führungskräfte müssen über IT-Wissen verfügen

An den Technischen Universitäten hört man das gerne. Fraunhofer-Austria-Chef Univ.Prof Dr.-Ing. Wilfried Sihn, auch Lehrgangsleiter des Professional MBA Automotive Industry am Continuing Education Center der TU Wien, hält einen generellen Zugang zur IT-Kompetenz für wettbewerbsentscheidend: "Jede zukünftige Führungskraft sollte eine gewisse Ahnung und ein gewisses Verständnis von IT haben. Denn Industrie 4.0 ist Chefsache. Deshalb braucht es dieses Wissen auf der obersten Führungsebene." Oftmals seien heutige Top-Managerinnen und -Manager eher Digital Immigrants. "Daher bedarf es einer Basisqualifizierung in allen Bereichen", betont Sihn. Spezialwissen sei in Vorreiter-Branchen wie der Automobil- und Zulieferindustrie gefragt, die bereits hohe Industrie 4.0-Kompetenz hätte. Dazu gibt es einen von TU Wien und STU Bratislava angebotenen Professional MBA Automotive Industry, der sich gezielt mit digitalen Transformationen und Industrie 4.0 auseinandersetzt.

Durchgängigen Datenaustausch fördern

Die Wichtigkeit von Branchenwissen betont auch Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Gerald Goger vom Institut für interdisziplinäres Bauprozessmanagement an der TU Wien. "Im Bauingenieurwesen werden starke IT-Insellösungen mit Hilfe von unterschiedlichen Softwaren angewendet. Daraus ergibt sich, dass mit verschiedenen Programmen Daten erhoben werden, die dann aber nicht durchgängig ausgetauscht und vermittelt werden können." Hier gebe es den größten Handlungsbedarf zur Erarbeitung durchgängiger Datenformate - aber nicht im Sinne von IT-Ausbildung für Bauingenieure, sondern in einer Zusammenarbeit zwischen dem Bauingenieurwesen und IT-Profis. So sollen zielgerichtet nach den Bedürfnissen der Ingenieure Programme entwickelt werden, um den Datenaustausch zu fördern und den Datenzugriff zu ermöglichen. Im Bereich der baubetrieblichen und baubetriebswirtschaftlichen Ausbildung des Bauingenieurwesens werden digitale Gebäudemodelle vermehrt an Bedeutung gewinnen. Ein Stichwort hier ist das sogenannte Building Information Modeling (BIM), das es ermöglicht, digitale Baumodelle zu erstellen und Bauabläufe sowie Kosten zu simulieren. Virtuelles Planen, Bauen und Betreiben von Gebäuden spielt eine immer wichtigere Rolle. Daher müsse, so Goger, sichergestellt sein, dass ein durchgängiger Datenaustausch stattfinden kann. "Die exakte Definition von Bauwerkseigenschaften in einem Merkmalsserver (eine "Standardisierungs-Datenbank", Anm.) ist Grundvoraussetzung für digitales Planen, Bauen und Betreiben. Diese Datenbank erfordert eine konsequente Wartung und muss am Ende der Entwicklung für alle Beteiligten an einem Bauprojekt zur Verfügung stehen", betont Goger. So könnten dann Bauherren, Planer, Architekten und Ingenieure jederzeit die Informationen zu den Bauelementen, wie z. B. Türen oder Fenster, abrufen. Goger: "Durch eine Digitalisierung der Bauprozesse entsprechend dem Gedanken von Industrie 4.0 gibt es auf jeden Fall ein großes Effizienzsteigerungspotenzial von Bauprozessen."

Modellierung und Simulation im Fokus

Die Vielseitigkeit der IT-Anforderungen von morgen ist etwas, das auch Bildungsinstitutionen nahezu täglich vor neue Herausforderungen stellt. Das bestätigt der Vizedekan für Forschung am FH OÖ Campus Hagenberg, FH-Prof. DI Dr. Michael Affenzeller: "Anforderungen hinsichtlich Kompetenzen von IT-Expertinnen und -Experten sind vielfältig. Auf Grundlage einer fundierten Ausbildung im Bereich der Kernkompetenzen wie Algorithmen und Datenstrukturen, Softwareentwicklung oder Datenbanken beobachten wir stetig steigenden Bedarf an Kompetenzen im Bereich der intelligenten Datenanalyse, des maschinellen Lernens, der Modellbildung oder der Simulation und Optimierung."

Auch Affenzeller betont die große Bedeutung einer soliden Grundausbildung. "Unsere diesbezüglichen Studienangebote am Campus Hagenberg sind vielfältig und reichen von eher generischen Ausbildungszweigen wie beispielsweise Software Engineering bis zu spezialisierten Studienangeboten für Domänen wie Energieinformatik, Bioinformatik, Mensch-Maschine-Interaktion, Automotive oder Data Science", erklärt Affenzeller. Er sieht künftige Expertinnen und Experten vor allem damit konfrontiert, dass sie immer größere Datenbestände managen und verstehen müssen -im Sinne von Analyse, Modellierung und Visualisierung. Das beinhaltet beispielsweise die Befassung mit alternativen Datenbankkonzepten, Cloud Computing oder neuen Ansätzen im Bereich des maschinellen Lernens oder hinsichtlich interaktiver Visualisierung. "Gerade im Hinblick auf Industrie 4.0 ergeben sich in Bezug auf die praktischen Umsetzungen hohe Anforderungen an IT- und Digitalisierungsexpertinnen und -experten im Sinne der Fähigkeit interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Fachkräften verschiedenster Domänen wie Produktions-, Automatisierungs- und Verfahrenstechnik, aber auch Logistik oder Wirtschaftswissenschaft, um ihr IT-Know-how als Querschnittstechnologie sinnvoll zum Einsatz bringen zu können", weiß Affenzeller.

Soft Skills nicht unterschätzen

Bildungseinrichtungen wie das BFI Wien spüren ebenfalls ein deutlich wachsendes Interesse an IT-affiner Aus- und Weiterbildung. "Wir stehen vor einer großen Veränderung, ähnlich der industriellen Revolution. Plötzlich gibt es Social Media, Cloud Computing, Cognitive Computing und all die anderen technologischen Entwicklungen, die sich unglaublich rasch abspielen. Künftig wird es wohl kaum mehr Berufe geben, die ohne IT-Kenntnisse auskommen. Diese Entwicklung am Arbeitsmarkt spiegelt sich auch in der Nachfrage nach IT-Kursen wieder, die seit Mitte letzten Jahres deutlich angestiegen ist", weiß Dr. Valerie Höllinger, Geschäftsführerin des BFI Wien. Das BFI tägt dem Rechnung, indem es in den nächsten Monaten einen dezidierten "Digi-Campus" lancieren wird, der zum One-Stop-Shop für Aus-und Weiterbildungen im Bereich der Digitalisierung aufgebaut wird. Höllinger ist überzeugt, dass fachliches Know-how künftig an Bedeutung gewinnen wird. Aber sie weist auch darauf hin, dass eine einseitige Ausbildung zu kurz greift: "Kompetenzen wie Kooperations-und Teamfähigkeit, disruptives Denken, Umgang mit Diversität, etc. werden in einer vernetzten globalisierten Wirtschaft immer wichtiger. Weil die Grenzen zwischen den Berufsfeldern zunehmend verschwimmen, werden die Menschen künftig noch intensiver branchenübergreifend und verstärkt mit Partnern und Mitarbeitern aus anderen Kulturen zusammenarbeiten." Damit rückt die Kooperationskompetenz in den Fokus. Menschen, die zwischen Technologiepartnern und fachlichen Spezialisten vermitteln können, würden davon profitieren.

Ähnlich sieht man das beim WIFI. Das Ausbildungsangebot umfasst daher PC-Einsteiger-Kurse (ECDL) ebenso wie Grundlagen der Mediengestaltung oder Web & Social Media Marketing Management. Dipl.-Wirtsch.-Ing. Christian Faymann, Leiter WIFI Österreich Bildungsmanagement: "Im Bereich Betriebssysteme und Netzwerke sind besonders die Lehrgänge zum Netzwerk- oder Systemadministrator sowie Software Developer gefragt. Großes Interesse besteht auch an den Angeboten der Fachakademie für Angewandte Informatik und Fachakademie für Medieninformatik und Mediendesign. Und im Bereich "Online-bzw. Digitalmarketing" sind kompakte Lehrgänge besonders gefragt." Im akademischen Bereich sei der Universitäts-Lehrgang "Management in Information and Business Technologies MSc" gut gebucht. Das "Chief Information Officer Executive programm" runde das Angebot ab. Faymann verweist auch auf den neuen "MSc Designing Digital Business"-Lehrgang. Und er ist davon überzeugt, dass im Umfeld von Industrie 4.0 Qualifikationen und Kompetenzen in den Bereichen IoT (Internet der Dinge), Additiven Druckverfahren und 3D-Druck, Robotik, Wearables, Web 2.0 mit mobilen Geräten, Datenschutz und Umgang mit Big Data künftig noch stärker nachgefragt werden. Die WIFIs offerieren dazu bereits entsprechende Kurse bzw. stehen in Vorbereitungsarbeiten für vertiefende Module. So bieten die WIFIs ab Herbst österreichweit eine Ausbildung zum "Zertifizierten Datenschutzbeauftragen" an. Dieses Thema ist nicht nur in Verbindung mit Industrie 4.0, sondern vor allem aufgrund der neuen EU-Datenschutz-Grundverordnung wichtig, die ab Mai 2018 in Kraft tritt.

Bei allem Fachwissen auch teamfähig sein

Wie beurteilen Experten aus der Praxis die künftigen IT-Anforderungen? Am DIGITAL - Institut für Informations- und Kommunikationstechnologien von JOANNEUM RESARCH sind DI Christian Derler, Leiter des Geschäftsfeldes Sicherheitskritische Anwendungen, und DI Stefan Marksteiner, Senior Researcher Cyber Security, mit sich verändernden Herausforderungen konfrontiert. Derler: "Wir beschäftigen uns mit der Entwicklung von Tools, um Netzwerke sicherer zu machen. Uns geht es beispielweise darum, Angriffe übersichtlich grafisch darzustellen. Das gibt es bisher noch nicht in der Form, wie wir das handhaben." Dabei kommen Elemente aus Datenanlyse, Bildverarbeitung und sogar akustischer Signalanalyse zum Einsatz. Mittels Algorithmenanalyse aus Daten wie Logfiles versucht man zu erkennen, ob ein Cyberangriff stattgefunden hat. Marksteiner: "Solche Werkzeuge sind bisher großteils Spezialisten vorbehalten. Wir wollen diese Tools auf eine höhere Anwender-Qualität heben, damit rascher Entscheidungen getroffen werden können. Denn hier zählt der Zeitfaktor."

Ziel ist es, Wissen und Know-how vom Operator in die Software einzubringen. Welche Mitarbeitenden braucht ein solches Vorhaben?"Wir benötigen Leute, die entsprechendes Know-how im Rahmen eines FH-Studiums oder an der Uni erworben haben", erklärt Marksteiner, "nachdem der Bereich sehr kurzes Wissen aufweist, ist frisches Know-how wichtig. Gleichzeitig brauchen wir teamfähige Leute - wir entwickeln Strategien und Konzepte, die von allen Teamitgliedern gelebt werden sollen."

Freude an Recherche und wissenschaftlicher Arbeit -das sind auch für Christian Derler entscheidende Skills. Freilich neben einer soliden Netzwerkausbildung sowie Erfahrung in Netzwerkprotokollen oder im Programmierfeld. Derler: "Es schadet nicht, wenn man Vorlesungen in Richtung Cybersecurity besucht hat." Entscheidend seien aber Talent und Freude am systemischen Denken und Arbeiten.

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