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26.06.2017

Die Presse: BFI-Chefin Höllinger: "Digitale Kompetenz ist nicht Facebook"

Wien. Die Digitalisierung stößt gerade altbekannte Arbeitswelten um - und die Österreicher strotzen nur so vor Optimismus. Vier von fünf Führungskräften sehen sich gut bis sehr gut auf die digitale Zukunft vorbereitet, so das Ergebnis einer Studie des Berufsförderungsinstituts BFI, die der "Presse" vorliegt. Auch ihren Mitarbeitern stellen die Manager ein gutes Zeugnis aus. Immerhin drei Viertel seien demnach gut gerüstet. Für den Augenblick sei die Zuversicht der Führungskräfte wohl berechtigt, meint BFI-Chefin Valerie Höllinger. Ob dieselben Menschen auch in fünf oder zehn Jahren noch ausreichend auf das Berufsleben vorbereitet sein werden, sei hingegen fraglich. "Niemand weiß, welche Jobs genau entstehen werden und welche Ausbildungen es brauchen wird."

Geht es nach der EU-Kommission, ist zumindest eines sicher: Zumindest neun von zehn Berufen werden bald digitale Kompetenzen erfordern. Erst kürzlich rechnete die OECD vor, dass vor allem die Mittelschicht der Angestellten und Arbeiter von der Digitalisierungs- und Automatisierungswelle betroffen sein werden.

"Bildung ist die einzige Antwort"
"Bildung ist die einzige Antwort", sagt Höllinger - und zwar konsequent und regelmäßig. An Interesse mangelt es nicht. Jede zweite Führungskraft zeigte sich in der BFI-Umfrage prinzipiell offen für berufliche Weiterbildungen in dem Bereich. 83 Prozent wären bereit, selbst Geld dafür in die Hand zu nehmen, wenn Unternehmen und Staat mitzahlen. Die BFI-Chefin schlägt in dieselbe Kerbe. Ihr schwebt ein Versicherungsmodell für die berufliche Weiterbildung im digitalen Bereich vor. Die Republik, Unternehmen und Mitarbeiter sollten demnach den Topf regelmäßig befüllen, aus dem im Bedarfsfall Weiterbildungen und Umschulungen bezahlt würden.

Derzeit sieht die Situation in Österreich anders aus. Während sich Schule und Universitäten dem Thema öffnen, gibt es keine zentrale Anlaufstelle für Berufstätige. Das BFI setzt mit dem Digi-Campus immerhin einen ersten Schritt und bündelt hier gut 150 Kurse, die mit Digitalisierung zu tun haben. Die meisten großen Unternehmen wie der Verbund oder Infineon bilden ihre Mitarbeiter aber längst selbst aus. Höllinger begrüßt die Entwicklung im Grunde, weist aber darauf hin, dass auch sie nur bestimmte Nischen bedienten. Was fehle, sei die Basisversorgung. Immerhin gebe es 900.000 Österreicher, denen Grundkompetenzen im Umgang mit digitalen Medien fehlen.

"Digital Natives" werden überschätzt
Dabei sind keineswegs nur die Älteren betroffen. "Wir müssen uns auch um die Jungen kümmern", betont Höllinger. Es sei ein Trugschluss, zu glauben, dass diese gut vorbereitet seien, nur weil sie viel Zeit vor dem Computer verbrächten. Nach der ICILS-Studie (International Computer and Information Literacy Study) aus dem Jahr 2014 sind 30 Prozent der deutschen Schüler digitale Analphabeten. Österreich nahm an der Studie nicht teil, aber auch hierzulande würden die Jungen tendenziell überschätzt. Vielen aus der Generation der "Digital Natives" fehle die Fähigkeit, die Vertrauenswürdigkeit von Quellen und Informationen aus dem Netz einzuschätzen. Auch die Pädagogen müssten dahingehend neu geschult werden, so die BFI-Chefin: "Digitale Kompetenz ist nicht Facebook." Tatsächlich erwarten nur 13 Prozent der heimischen Führungskräfte, dass der Umgang mit sozialen Medien für künftige Jobs relevant sein wird. Entscheidend sind für immerhin 74 Prozent eine gute Basisbildung und die Bereitschaft, ständig Neues zu lernen.

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