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19.03.2014

Damit Inklusion kein Lippenbekenntnis bleibt

Damit Inklusion kein Lippenbekenntnis bleibt

Rund 1,6 Millionen Österreicher sind laut Österreichischem Schwerhörigenbund (ÖSB) hörbehindert. 8.000 davon komplett gehörlos, der Rest ist schwerhörig. Der berufliche wie private Alltag wird dabei für viele zur großen Herausforderung: Einfachste Arztwege werden zum kommunikativen Spießrutenlauf; die Teilnahme an Symposien, Besprechungen oder Vorträgen so gut wie unmöglich.

Der österreichische Gesetzgeber hat vor zwei Jahren per „Nationalen Aktionsplan NAP“ eine Strategie vorgelegt, um mittels gesetzlicher Rahmenbedingungen behinderten Menschen die aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Ein wichtiger erster Schritt in Sachen Inklusion, wie Valerie Höllinger, Geschäftsführerin des BFI Wien betont: „Als Mensch anerkannt und wahrgenommen, vor allem ernst genommen zu werden, ist essentiell“. Es seien aber nicht nur die Politiker sondern auch die Bildungseinrichtung bei diesem Thema gefragt: „Damit aus Lippenbekenntnissen tatsächliche integrative Maßnahmen werden.“ Aus diesem Grund biete man ab 10. Mai in Kooperation mit dem ÖSB den bereits dritten Lehrgang zum zertifizierten Schriftdolmetscher an.  

Sprachbarrieren überwinden

„Schriftdolmetscherinnen und Schriftdolmetscher überwinden Sprach- und Kommunikationsbarrieren zwischen hörenden und hörgeschädigten Menschen“, betont Harald Tamegger, Generalsekretär des ÖSB. Sie übertragen das gesprochene Wort (Lautsprache) in die geschriebene Sprache (Schriftsprache). „Ein großer Aspekt beim Schriftdolmetschen ist für mich die soziale Komponente“, erklärt auch Gudrun Amtmann, eine von neun ÖSB zertifizierten Schriftdolmetscherinnen und Schriftdolmetschern. „Menschen mit Hörbehinderung, das heißt Schwerhörigen und Spätertaubten, ist durch das Schriftdolmetschen die Möglichkeit gegeben, aktiv am gesellschaftlichen und beruflichen Leben teilzunehmen“, so die frischgebackene Absolventin der knapp neunmonatigen Ausbildung. Barrierefreiheit und Inklusion werde gewährleistet, schließlich werde durch das simultane Übersetzen der Lautsprache in die Schriftsprache das gesprochene Wort quasi in Echtzeit visualisiert. „Durch das Mitlesen via Bildschirm, Monitor oder Beamer kann man sich, auch wenn man die Worte nicht ausreichend hören kann, beispielsweise an einer Diskussion beteiligen oder dem Inhalt problemlos folgen“, erklärt Amtmann.

Auf die Ausbildung aufmerksam sei die Eigentümerin eines Schreibbüros und Lektorats in Wien schon vor Jahren geworden: „Nicht nur als Ergänzung und Abrundung meines Unternehmens, sondern als eigene Kommunikationsform wollte ich die Ausbildung unbedingt absolvieren.“ Bis vor kurzem wurde die Ausbildung zum Schriftdolmetscher aber nur in Deutschland angeboten. „Ich habe sogar in Betracht gezogen, auszuwandern. Habe dann aber doch entschieden, darauf zu warten, bis die Ausbildung nach Österreich kommt“, erklärt Amtmann. 

Einziger zertifizierter Bildungsträger

Seit 2012 bietet das BFI Wien als einziger zertifizierter Bildungsträger des ÖSB den neunmonatigen Lehrgang nun an. „Schriftdolmetscherinnen und Schriftdolmetscher erbringen ihre Kommunikationsdienstleistung für Hörgeschädigte insbesondere im Auftrag von Betroffenen selbst, sozialen Organisationen, sozialen Kostenträgern und Krankenkassen, sowie auch für Firmen und Unternehmen der freien Wirtschaft“, beschreibt Tamegger das Einsatzfeld der Absolventinnen und Absolventen.

Amtmann will darüber hinaus noch als „Court Reporter“ arbeiten: „Court Reporting ist im Prinzip dasselbe wie Schriftdolmetschen, nur dass man mit der juristischen Diktion betraut sein sollte“. Was ihrer Meinung nach einen Schriftdolmetscher abgesehen vom faktischen Know-how auszeichnen sollte? Konzentrationsfähigkeit, Merkfähigkeit und Stressresistenz. Amtmann: „Man arbeitet mithilfe eines Kürzelsystems, das man selbst erstellt hat. Die Kürzel müssen einem im richtigen Moment einfallen und außerdem schnell umgesetzt werden. Lässt man sich während des Schreibens ablenken, besteht die Gefahr, dass man aus dem ‚Rhythmus‘ kommt.“ Zudem „hinke“ man dem Redner in der Regel ein paar Sekunden hinterher. Daher sei es notwendig, sich das Gesagte merken und gegebenenfalls zusammenfassen zu können. „Und spricht ein Redner zu schnell, kann das Stress verursachen. Die Technik kann eventuell auch dazu beitragen, dass man aus der Ruhe kommen kann. Eine gute Ausbildung, wie die am BFI Wien angebotene hilft hier enorm.“

Kostenloser Infoabend

Start  der dritten Auflage des Lehrgangs „ÖSB-zertifizierte/r trans.SCRIPT SchriftdolmetscherIn“ ist der 10. Mai 2014. Bereits am 10. April findet um 17:00 Uhr ein kostenloser Infoabend statt. Infos und Anmeldung: anmeldung@bfi.wien oder Telefon: 01/811 78 /10100

Weitere Informationen zum Thema Schriftdolmetsch: www.transscript.at/

 

Rückfragehinweis: 
Mag. Jan Weinrich, MBA
BFI Wien, Pressesprecher
Tel: +43 1 811 78-10355
Mobil: +43 699 168 623 55
Mail: j.weinrich@bfi.wien

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