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06.05.2014

DiePresse: Alles, nur nicht heiraten "Bin für meine Eltern ein Alien"

Am Tag der Generalprobe geht noch einmal einiges schief. Da vergisst einer den Text und reagiert mit Kichern, dort bringt ein fehlendes Mikro die Rapper aus dem Konzept. Sandra Selimovic ist liebevoll sauer. "Wozu habe ich mit Ihnen ein halbes Jahr Improvisation geübt? Fehler macht jeder im Leben, immer. Trotzdem einfach weitermachen, darum geht's."

Und eigentlich auch noch um mehr, schildert die 33-jährige Regisseurin, schwarze Jeans, schwarzes Hemd, Zigarette, im Cafe vor dem Dschungel Wien, nachdem sie einen doppelten Espresso geordert hat. Dass man sich bei Belästigung zur Wehr setzt, zum Beispiel. Dass man sein Schicksal in die Hand nimmt - und, nur zum Beispiel, bei der Theaterprobe bleibt, obwohl am Telefon der große Bruder tobt und aufs Heimkommen drängt. Selimovic schüttelt den Kopf: "Dabei sind die Mädchen 17, 18!" Es sind ganz reale Dinge aus der Lebenswelt der Jugendlichen, die sie mit ihnen gemeinsam auf die Bühne bringt. "Ich glaube, wenn man das spielt, färbt auch etwas ab."

Angesiedelt hat Selimovic das Stück, das sie mit Schülern der HAK/HAS des BFI Wien erarbeitet hat, in einem ganz normalen Gemeindebau: eine alltägliche Melange aus Elend und Ausländerhass, Alkohol, Sprachproblemen, strenger Religiosität und Sorge um den Aufenthalt. Und Kinder, die da wie dort nicht wissen, wie sie entkommen sollen. Selimovic ist sich selbst nicht sicher, ob sie heute auf Theaterbühnen stünde, hätte sie nicht die Volksschullehrerin gehabt, die sie die Gymnasiumsadressen abschreiben ließ. Oder den Schauspieler, der als Mentor an sie glaubte.

Erste Rolle als Zigeunermädchen
Nach Wien gekommen war sie mit fünf, als Kind einer serbischen Romafamilie. Tanzte zu Hip-Hop und Michael Jackson, mit zwölf spielte sie in einer Fernsehserie mit, "natürlich als Zigeunermädchen, weil ich ja Romni bin". Die Produktionsleute hatten in ihrem Gymnasium gecastet, spätestens ab da wollte sie Schauspielerin werden. Alternative wäre Jus gewesen. "Ich hab immer diese Hollywoodgerichtsfilme gesehen. Wenn die ihre großen Plädoyers gehalten haben, das war toll." Aus der Uni wurde nichts: Ihre Mutter wurde krank, das Pizza-Hilfskochgehalt des Vaters reichte nicht für die sechsköpfige Familie. Selimovic musste die Schule abbrechen und eine Lehre machen. "Ein ziemlicher Schock für mich. Ich konnte nur Hochdeutsch, kein Wienerisch, ich hab die Chefin nicht verstanden." Mit dem Theater machte sie trotzdem weiter, schlich sich heimlich aus dem Haus, riskierte Schläge. Später riss sie aus, verdiente sich das Geld für private Schauspielstunden, die Prüfungen absolvierte sie vor einer Kommission. "All das", sagt sie und meint ihre Erfahrungen, "ist der Grund, warum ich beschlossen habe, mit Jugendlichen zu arbeiten." Und zwar nicht mit jenen, die sich nicht zwischen Ballett und Karate entscheiden können. Weil sie Castings hasst, hat sie mit 100 Schülern begonnen, 18 sind über die Monate übrig geblieben, von denen sind "nur zwei Original-Österreicher, die meisten Moslems". Die, sagt sie, verstehe sie als Romni gut, "der einzige Unterschied ist, dass wir kein Kopftuch tragen. Aber meine Eltern haben erwartet, dass ich nach der Schule heirate. Es war für sie unvorstellbar, dass ich als Frau ein eigenes Leben hab". Inzwischen seien sie, glaubt sie, auch ein wenig stolz. "Aber ich bin für sie immer noch ein Alien." Ein Alien mit eigener Roma-Theatergruppe. "Aber das", sagt sie, "ist ein eigenes Thema."

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Sandra Selimovic (33) kam als Kind einer serbischen Romafamilie nach Wien. 2011 gründete sie den Roma-Theaterverein Romano Svato, zudem rappt sie in der Roma-Ninja-Formation Mindj Panther. 2012 brachte sie mit den Wiener Wortstätten zum ersten Mal ein Theaterstück mit Schülern des BFI heraus. Heute hat im Rahmen der 4. Wiener Integrationswoche "It's my Life - Family and Crime" im Dschungel Wien Premiere.

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